Wie Corona die Psyche belastet

Ausgehbeschränkungen, Kontaktverbote, angeordnetes HomeOffice, geschlossene Kitas und Schulen: Das Coronavirus hat den sozialen Alltag in Deutschland für viele Menschen drastisch verändert. Die Ungewissheit über die Auswirkungen, die Ausbreitung und das Ausmaß der Krankheit bedeutet eine hohe emotionale Belastung, insbesondere für psychisch belastete Menschen.

Jüngste Befragungen machen deutlich, dass sich mehr als die Hälfte der Bundesbürger um ihre Gesundheit und die der Familie sorgen. Hinzu kommen Existenzängste, den Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu können oder gekündigt zu werden. Zudem fehlen Alltagsroutinen, sozialer und körperlicher Kontakt zu anderen, einerseits Langeweile, andererseits Überforderung.

Menschen mit psychischen Vorbelastungen sind besonders gefährdet

Während Emotionen wie Angst und Furcht, Desorientierung, Traurigkeit, Wut oder Ärger zunächst adäquate Reaktionen auf eine abnorme Situation darstellen, kann der anhaltende Ausnahmezustand bei Menschen mit psychischen Vorbelastungen intensiver wahrgenommen werden und infolgedessen zu einer Symptomverschlechterung führen. Hierbei entwickelt sich insbesondere der Kontrollverlust und das Gefühl des Ausgeliefertseins zu einer Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit. Bei fehlenden Bewältigungsressourcen besteht ein erhöhtes Risiko, in eine Depression zu verfallen.

Dr. Kiriaki Mavridou, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Wann liegt eine Depression vor?

Die Diagnose „Depression“ wird gestellt, wenn mindestens zwei von drei Hauptsymptomen und zusätzlich mindestens zwei Nebensymptome über zwei Wochen oder länger bestehen. Die Depression kann sich unterschiedlich äußern. Nicht immer sind alle Symptome vorhanden oder bemerkbar.

Hauptsymptome:

  • Gedrückte Stimmung: Betroffene beschreiben eine traurig-niedergeschlagene Stimmungslage oder/und Gefühle von innerer Leere und Freudlosigkeit.
  • Interessen- oder Freudlosigkeit: Aktivitäten und Interessen, die mit Freude verbunden wurden, werden vernachlässigt und verlieren an Bedeutung. Hobbys, der Beruf, Freizeitaktivitäten oder gemeinsame Unternehmungen mit der Familie oder dem Freundeskreis bereiten keinen Spaß mehr.
  • Antriebsmangel bzw. erhöhte Ermüdbarkeit: Im Rahmen einer Depression ist der Antrieb häufig reduziert, d.h. Betroffene können sich nur schwer motivieren. Erledigungen alltäglicher Art wie Einkaufen, Aufräumen, etc. erfordern große Überwindung und können schnell zur Ermüdung führen und teilweise nicht bewältigt werden.

Nebensymptome:

  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen: Betroffene können sich oft nicht erinnern, was vor kurzem passiert ist. Sie sind unfähig, bspw. ein Buch zu lesen – und geraten in Sorge um eine mögliche Demenz.
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen: Im Rahmen einer Depression kommt es fast immer zu einem verminderten Selbstwertgefühl und schwindendem Selbstvertrauen.
  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit: An Depression erkrankte Menschen suchen die Schuld meist bei sich selbst. Sie haben das Gefühl, die Fürsorge anderer nicht zu verdienen und allen zur Last zu fallen.
  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven: Betroffene haben das Gefühl, nicht mehr aus Situationen herauszukommen und sehen der Zukunft meist hoffnungslos entgegen.
  • Suizidgedanken/-handlungen: Bei von Depression betroffenen Patient*innen besteht häufig der Wunsch, der als aussichtlos und ausweglos empfundenen Situation zu entkommen, bin hin zum Gedanken, das eigene Leben zu beenden.
  • Schlafstörungen: Typisch sind Ein- und Durchschlafstörungen mit morgendlichem Früherwachen.
  • Verminderter Appetit: Die Betroffenen haben häufig einen reduzierten bis keinen Appetit, wodurch häufig Gewichtsverlust resultiert.

Was hilft Betroffenen, die Situation besser zu bewältigen?

Grundsätzlich ist es wichtig, Ängste frühzeitig zu normalisieren, um mit einer Krisensituation hilfreich umzugehen und die seelische Balance nicht zu verlieren. Hierfür ist es sinnvoll, richtig informiert zu bleiben und die Medien bewusst und gezielt zu konsumieren. Zudem ist es ratsam, eine Tagesstruktur einzuhalten und den Alltag positiv zu gestalten.

Bei anhaltender psychischer Belastung und gedrückter Stimmung sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Diese kann im Notfall persönlich, aber auch telemedizinisch erfolgen. Die Nachfrage für psychosoziale Unterstützung steigt: Sowohl regulär Gesunde, die behandlungsbedürfte Ängste entwickelt haben als auch psychisch Erkrankte, deren Symptome sich verschlechtern, nehmen die Hilfsangebote in Anspruch. Die zweite Gruppe benötigt ein noch fester geknüpftes Hilfsnetz.

Geeignete Therapieformen

Depressive Erkrankungen lassen sich gut behandeln, wenn sie frühzeitig erkannt werden. Die wichtigsten Säulen der Therapie sind die medikamentöse Behandlung und die Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie. Beide können und werden in vielen Fällen kombiniert. Bei bestimmten Formen der Depression sind zusätzlich weitere, körperbezogene Therapieformen möglich:

  • Lichttherapie: Patient*innen sitzen im Abstand von ca. 80 Zentimetern vor einer Leuchte, die um 10.000 Lux stark sein sollte. Licht senkt die Bildung des körpereigenen Schlafhormons Melatonin und fördert das Glückshormon Serotonin, das sich positiv auf die Stimmung auswirkt.
  • Wachtherapie: Die Wachtherapie wird als partieller Schlafentzug durchgeführt, wodurch es zur Resynchronisation und Wiederherstellung des ursprünglichen Schlafrhythmus kommen soll.
  • Elektrokrampftherapie: In Kurznarkose und unter Muskelentspannung wird durch eine kurze elektrische Stimulation ein Krampfanfall ausgelöst, der sich – nach heutigem Kenntnisstand -  positiv auf die neurochemische Veränderung von Botenstoffen im Gehirn positiv auswirkt.
  • Transkranielle Magnetstimulation: Bestimme Hirnareale werden durch mehr oder weniger starke Magnetfelder stimuliert oder gehemmt.

Verhaltens-Tipps, um Langzeitfolgen zu verhindern

Psycholog*innen und Soziolog*innen sind sich einig, dass die Einschränkungen des Soziallebens innerhalb der Corona-Krise Folgen haben werden. Das Ausmaß lässt sich bislang nicht beziffern, da Ausnahmesituation wie die aktuelle nur selten stattfinden.

Untersuchungen der mittel- und langfristigen Folgen

In aktuellen Untersuchungen und Umfragen wird der Frage nach den mittel- und langfristigen Folgen auf die psychische Gesundheit sowie auf die Versorgungssituation in Psychiatrien nachgegangen. In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen wurden bereits Patient*innen im Rahmen von Verlaufsuntersuchungen zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf psychischen Störungen telefonisch befragt.

Die Ergebnisse werden derzeit evaluiert und ausgewertet und sind in den kommenden Monaten zu erwarten.

Autorin

Oberärztin - Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Dr. Kiriaki Mavridou

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