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Geschlechtersensible Gesundheitsforschung – Studie schließt Datenlücke in der Medizin

Eine internationale Studie unter Leitung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) erforscht, wie stark soziale Rollen und Beziehungen, aber auch Erwartungen und Diskriminierung unsere Gesundheit beeinflussen. Im deutschsprachigen Raum sind diese Daten kaum systematisch erfasst. Ziel ist es, diese Datenlücke zu schließen, um Diagnosen und Therapien künftig an die individuellen Bedürfnisse der Patient*innen anzupassen. Das Studienkonzept ist im Rahmen eines vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)-geförderten Forschungsprojekts entstanden. Die Datenerhebung in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfolgt in den kommenden zwölf Monaten.

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Prof. Dr. Heidrun Golla, Direktorin der Klinik für Palliativmedizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG; links), und Prof. Dr. Martin Hellmich, Stellvertreter des Direktors des Instituts für Medizinische Statistik der UMG (rechts). Fotos: umg/frank stefan kimmel

Es ist bekannt, dass biologische Faktoren bei der Entstehung und Behandlung von Krankheiten eine Rolle spielen. Doch die medizinische Forschung erkennt zunehmend, dass Gesundheit weit über die Biologie hinausgeht. Auch das soziokulturelle Geschlecht beeinflusst das Gesundheitsverhalten und Behandlungsergebnisse. Anders als die biologischen Merkmale wird das soziokulturelle Geschlecht durch die soziale Stellung, kulturelle Einflüsse und Erwartungen geprägt, die typischerweise an einen Mann oder eine Frau, zum Beispiel im Beruf oder in Bezug auf bestimmte Verhaltensweisen gestellt werden. So fordern traditionelle Männlichkeitsbilder oft das Unterdrücken von Schmerz und Schwäche. Das führt dazu, dass Männer bei körperlichen oder psychischen Problemen wie Depressionen deutlich später ärztliche Hilfe suchen, weshalb Krankheiten bei ihnen häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt werden. Bei der Diagnose eines Herzinfarktes, der gesellschaftlich oft als typische Männerkrankheit gilt, werden die Symptome bei Frauen eher als stressbedingte oder psychosomatische Beschwerden – körperliche Symptome, die durch psychische Belastungen entstehen – missverstanden. Da Frauen zudem seltener den klassischen Brustschmerz zeigen, führt diese Kombination aus Geschlechterrolle und untypischen Symptomen häufig zu gefährlichen Verzögerungen bei der Notfallbehandlung.

Bislang fehlt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz jedoch an zuverlässigen Daten und einer standardisierten Vorgehensweise, um diese sozialen Aspekte in der Forschung messbar zu machen. Diese Datenlücke trägt dazu bei, dass Angebote zur Vorsorge, Diagnosen und Behandlungen nicht immer gerecht und passgenau für alle Menschen gestaltet sind.

Messbarmachung des soziokulturellen Geschlechts
Um diese Lücke in der medizinischen Forschung zu schließen, startet jetzt eine internationale Studie unter gemeinsamer Leitung von Prof. Dr. Heidrun Golla, Direktorin der Klinik für Palliativmedizin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), und Prof. Dr. Martin Hellmich, Stellvertreter des Direktors des Instituts für Medizinische Statistik der UMG, im deutschsprachigen Raum. Mit einem international anerkannten, wissenschaftlich fundierten GVHR (Gender-Related Variables for Health Research)-Fragebogen wird das soziokulturelle Geschlecht von Teilnehmenden ab 16 Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz, kurz DACH-Region, in einer Online-Befragung anonym erfasst. Der Fragebogen umfasst 25 gezielte Fragen, die auf sieben zentrale Lebensbereiche fokussieren: Belastung durch Pflegeaufgaben, berufliche Belastung, Selbstständigkeit, Risikobereitschaft, emotionale Intelligenz, soziale Unterstützung und Diskriminierung. Das Studienkonzept ist im Rahmen eines vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)-geförderten Forschungsprojekts entstanden. Die Datenerhebung erfolgt in den kommenden zwölf Monaten. 

Während das Instrument in anderen Sprachen bereits erfolgreich angewendet wird, fehlte bislang eine Überprüfung und Anpassung für den deutschen Sprachraum. „Geschlechterrollen und wie sie ausgedrückt werden, hängen stark von der jeweiligen Kultur ab. Damit der Fragebogen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verlässliche Ergebnisse liefert, muss er methodisch überprüft werden“, erklärt Prof. Golla. „Wir testen, ob die übersetzten Fragen die gewünschten soziokulturellen Aspekte in der DACH-Region präzise, verständlich und kulturell sinnvoll abbilden.“

„Durch die direkte Befragung der Proband*innen erfahren wir, ob die Inhalte in der Zielkultur genauso verstanden werden wie im Ursprungsland“, ergänzt Prof. Hellmich. „Wir wollen sicherstellen, dass der Fragebogen auch im neuen kulturellen Kontext zuverlässig misst und vergleichbare Ergebnisse mit anderen Ländern und Kulturen liefert.“

Beteiligte Partnerinstitutionen
Neben der UMG ist das Universitätsklinikum Köln an der Studie beteiligt. Weitere Beteiligungen sind in Planung. 

Weitere Informationen zur Studie sowie den Link zur Teilnahme finden Sie hier

Ansprechpartner Fachbereich: 
Prof. Dr. Martin Hellmich, Institut für Medizinische Statistik, Telefon 0551 / 39-65022, martin.hellmich(at)med.uni-goettingen.de 

Pressekontakt:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Leitung Unternehmenskommunikation
Lena Bösch
Von-Siebold-Str. 3, 37075 Göttingen
Telefon 0551 / 39-61020
Fax 0551 / 39-61023
presse.medizin(at)med.uni-goettingen.de
www.umg.eu

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