Mechanismen der kurz- und langfristigen Auswirkungen einer SARS-CoV-2-Infektion auf die Integrität der Epithelien der Atemwege
Projektleiter: Prof. Dr. Wolfgang Baumgärtner
Schlüsselbereich
- Pathophysiologie: Immunmodulation und -kontrolle
Wer war beteiligt?
- Prof. Dr. Wolfgang Baumgärtner (Projektleiter, TiHo)
- Dr. Malgorzata Ciurkiewicz (TiHo)
- Prof. Dr. Klaus Schughart (HZI)
- Dr. Robert Geffers (HZI)
- Prof. Dr. Maren von Köckritz-Blickwede (TiHo)
- Prof. Dr. Asisa Volz (TiHo)
Was war das Ziel?
Das Projekt befasst sich mit der Auswirkung einer SARS-CoV-2-Infektion auf die Integrität der Epithelien im Respirationstrakt, mit besonderem Fokus auf die Spätfolgen der Infektion und die Regenerationsfähigkeit. Hierzu wird ein Langzeitversuch im Hamstermodell durchgeführt, in dessen Rahmen Daten für zwei Kernarbeitspakete generiert werden. Im ersten Arbeitspaket werden Auswirkungen auf das ziliierte Epithel in den luftleitenden Wegen untersucht, während das zweite Arbeitspaket sich mit der Schädigung und Regeneration des Alveolarepithels und der daraus resultierenden Folgen für die Lungenfunktion, den Sauerstoffaustausch und die Belastungstoleranz beschäftigt. Zur Auswertung kommt ein breites Spektrum von Analysemethoden zum Einsatz, inklusive funktioneller, pathologischer, virologischer und molekularbiologischer Methoden. Der holistische Ansatz wird unser Verständnis der Pathogenese der Spätfolgen einer COVID-19-Erkrankung maßgeblich erweitern und stellt eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Therapieansätzen dar.
Das wurde erreicht:
Im Laufe der COVID-19 Pandemie berichteten Patienten immer häufiger von anhaltenden Symptomen nach Überstehen der akuten Infektion. Diese Symptome betreffen verschiedene Organsysteme und variieren im Schweregrad und umfassen unter anderem starke Erschöpfung („fatigue“), Belastungsintoleranz, kognitive Beeinträchtigungen („brain fog“), Atemnot und Muskelschmerzen. Dieser von Patientengruppen als „Long-COVID“ bezeichnete Zustand wird auch als post-COVID-19 Syndrom oder als „post-acute sequelae of COVID-19 (PASC) im englischen Sprachraum bezeichnet. Bis heute sind die zugrundeliegenden Mechanismen von Long-COVID kaum verstanden, weshalb die Entwicklung wirksamer Prophylaxe- und Behandlungsstrategien erschwert ist. Darüber hinaus ist es schwierig, Lungen- oder Nervengewebe von Long-COVID Patienten für die Forschung zu erhalten. Der Einsatz von Tiermodellen ist daher für die Erforschung dieser teils schwerwiegenden Erkrankung notwendig. Das Ziel dieses Projektes war es, den syrischen Goldhamster als ein geeignetes Modell für die Untersuchung von langfristigen Auswirkungen einer SARS-CoV-2 auf den Atmungstrakt zu etablieren, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Lungenregeneration lag.
Zu diesem Zweck wurde eine Langzeitstudie mit Hamstern durchgeführt. Männliche Hamster wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt, die einen Zeitraum von bis zu vier Monaten nach der SARS-CoV-2 Infektion abdeckten. Nicht-infizierte Tiere dienten als Kontrollen, um sicherzustellen, dass die beobachteten Veränderungen auf die Virusinfektion zurückzuführen waren. Es wurden fortlaufende Lungenfunktionsmessungen durchgeführt.
Anhand morphologischer und funktioneller Befunde kann die SARS-CoV-2 Infektion bei Hamstern in drei Krankheitsphasen eingeteilt werden: die akute Phase (1-6 dpi), die subakute Phase (6 – 28 dpi) und die chronische Phase (>28 dpi). Während der akuten Phase zeigten die Hamster reduzierte O2 und CO2 Volumina in den Atemgasen sowie eine ausgeprägte Lungenentzündung. In der subakuten Phase normalisierten sich die Atemgasvolumina in Ruhe, während morphologisch kleine Areale proliferierender Zellen in den für den Gasaustausch verantwortlichen Lungenregionen bestehen blieben. Zudem wurde ab dieser Phase eine erhöhte Ablagerung von Bindegewebe (Fibrose) beobachtet, was durch eine erhöhte Fibrose-fördernde Genaktivität untermauert wurde. Dies ist möglicherweise hinweisend auf fortlaufende Prozesse im Zusammenhang mit einer Gewebereparatur. Belastungstests mit einem Nagerlaufband ab 21 dpi zeigten bei infizierten Hamstern bis etwa sieben Wochen nach der Infektion eine vorübergehende, aber deutliche Verringerung der Lungenfunktion nach Belastung im Vergleich zum Ruhezustand ähnlich zu Long-COVID Patienten. In der späteren chronischen Phase normalisierten sich diese Veränderungen jedoch wieder.
Die persistierenden Proliferationen in den Lungen bestanden überwiegend aus Zelltypen, die in gesunden Lungen auf die Atemwege beschränkt sind. Diese blieben bis zum Ende der Studie bestehen, wobei sie etwa 5 % der gesamten Lungenfläche ausmachten. Überraschenderweise befanden sich diese Läsionen häufig in der Nähe von pulmonalen neuroendokrinen Zellen (PNECs), spezialisierte Atemwegszellen, die den Sauerstoffgehalt messen und auch an regenerativen Prozessen teilnehmen können. Zukünftige Studien sollen nun einen möglichen Zusammenhang zwischen den proliferativen Läsionen und den PNECs untersuchen, um möglicherweise eine Zellpopulation zu identifizieren, die langfristige Lungenveränderungen nach einer SARS-CoV-2 Infektion vorantreibt.
Publikationen
- SARS-CoV-2 Infection Dysregulates Cilia and Basal Cell Homeostasis in the Respiratory Epithelium of Hamsters. Schreiner, T.; Allnoch, L.; Beythien, G.; Marek, K.; Becker, K.; Schaudien, D.; Stanelle-Bertram, S.; Schaumburg, B.; Mounogou Kouassi, N.; Beck, S.; et al. Int. J. Mol. Sci.2022,23, 5124. https://www.mdpi.com/1422-0067/23/9/5124
- SARS-CoV-2 Omicron variant causes mild pathology in the upper and lower respiratory tract of hamsters. Armando F, Beythien G, Kaiser FK, Allnoch L, Heydemann L, Rosiak M, Becker S, Gonzalez-Hernandez M, Lamers MM, Haagmans BL, Guilfoyle K, van Amerongen G, Ciurkiewicz M, Osterhaus ADME, Baumgärtner W. Nature Communications, 2022 Jun 20;13(1). https://doi.org/10.1038/s41467-022-31200-y
- Hamster model for post-COVID-19 alveolar regeneration offers an opportunity to understand post-acute sequelae of SARS-CoV-2. Heydemann, L., Ciurkiewicz, M., Beythien, G., Becker, K., Schughart, K., Stanelle-Bertram, S., Schaumburg, B., Mounogou-Kouassi, N., Beck, S., Zickler, M., Kühnel, M., Gabriel, G., Beineke, A., Baumgärtner, W., & Armando, F., Nature Communications 2023, 14(1), https://doi.org/10.1038/s41467-023-39049-5
- Detection of Double-Stranded RNA Intermediates During SARS-CoV-2 Infections of Syrian Golden Hamsters with Monoclonal Antibodies and Its Implications for Histopathological Evaluation of In Vivo Studies. Georg Beythien, Madeleine de le Roi, Stephanie Stanelle-Bertram, Federico Armando, Laura Heydemann, Malgorzata Rosiak, Svenja Becker, Mart M. Lamers, Franziska K. Kaiser, Bart L. Haagmans, Malgorzata Ciurkiewicz, Gülsah Gabriel, Albert DME Osterhaus, Wolfgang Baumgärtner, International Journal of Molecular Sciences 10/2024, https://doi.org/10.3390/ijms252111425
- Respiratory long COVID in aged hamsters features impaired lung function post-exercise with bronchiolization and fibrosis. Laura Heydemann, Malgorzata Ciurkiewicz, Theresa Störk, Isabel Zdora, Kisten Hülskötter, Katharina Gregor, Lucas Michaely, Tom Schreiner, Wencke Reineking, Georg Beythien, Asisa Volz, Maren von Köckritz-Blickwede, Tamara Tuchel, Christian Meyer-zu-Natrup, Lisa-Marie Schünemann, Sabrina Clever, Dirk Schaudien, Karl Rohn, Klaus Schughart, Robert Geffers, Mika Kaneko, Yukinari Kato, Carina Gross, Georgios Amanakis, Andreas Pavlou, Federico Armando, Wolfgang Baumgärtner. Nature Communications 2025, https://doi.org/10.1038/s41467-025-57267-x