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Besser essen, Krankheiten vorbeugen, Umwelt schonen: Göttinger Medizinstudierende testen innovatives Lehrkonzept

Forschende der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben in Kooperation mit Culinary Medicine Deutschland e.V. ein neues Lehrkonzept entwickelt: Medizinstudierende übersetzen ernährungsmedizinisches Fachwissen in einer Lehrküche in Rezepte für eine krankheitsvorbeugende und umweltschonende Ernährung. Die Wirksamkeit des Konzepts wurde in einem seit Sommer 2024 angebotenen Wahlfach an der UMG überprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die ernährungsmedizinischen Beratungskompetenzen der Studierenden durch die Kursteilnahme deutlich verbessern. Die von der Rut- und Klaus-Bahlsen-Stiftung mit 75.000 Euro geförderte Studie ist in der Fachzeitschrift „Ernährungs Umschau“ veröffentlicht.

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Im Teaching Kitchen: Student Martin Witt kocht mit der diätetisch geschulten Köchin Birgit Ellrott (rechts) und Tutorin Isa Köpp (links) Culinary Medicine-Rezepte. Foto: umg/thomas ellrott

Erkrankungen wie die Diabetes mellitus, Herz-Kreislauferkrankungen und manche Krebserkrankungen, die unter anderem durch Fehl-, Über- oder Mangelernährung mitverursacht werden, zählen zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Ärzt*innen sind für viele Menschen die erste Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen und damit ein wichtiger gesellschaftlicher Hebel, um beispielsweise durch vorbeugende Ernährungsempfehlungen frühzeitig die Entstehung von Krankheiten zu beeinflussen. Die Umstellung auf eine Ernährung, die die Gesundheit erhält, hat dabei oftmals auch viele Vorteile für die Umwelt. 

Genau hier setzt das neue Wahlfach „Culinary Medicine“, zu Deutsch „Kulinarische Medizin“, im ersten Studienabschnitt des Medizinstudiums an. Es zielt darauf, Erkenntnisse aus der ernährungsmedizinischen Forschung in Alltagsrezepte zu überführen und die Zusammenarbeit mit Ernährungsfachkräften zu üben. Forschende um Priv.-Doz. Dr. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie (IfE) an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), haben das innovative Lehrkonzept gemeinsam mit dem Verein Culinary Medicine Deutschland entwickelt und bereits erfolgreich in einer ersten Testphase an der UMG mit 36 Medizinstudierenden in der Praxis erprobt. Das Besondere: Nach einem theoretischen Kursteil, in dem die Studierenden Kurzvorträge zu verschiedenen Ernährungsthemen auf Basis der „Lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung“ erarbeiten, folgt die direkte Übersetzung des erworbenen Fachwissens in die Praxis. In einer Lehrküche, die international unter dem Begriff „Teaching Kitchen“ bekannt ist, kochen die Studierenden selbstgewählte Musterrezepte, welche die fachlichen Zusammenhänge ihrer Vortragsthemen praktisch veranschaulichen. Die Lehrküche stellt dabei ein sogenanntes Skills Lab dar - einen praxisnahen Lernraum zum Training wichtiger ärztlicher Kompetenzen, wie der Beratung von Patient*innen und der Zusammenarbeit mit Ernährungsfachkräften. 

Praktische Anwendung, Teamarbeit, Austausch 
Die Studierenden der Testphase bestätigen die Relevanz der direkten praktischen Anwendung des Erlernten: In der Befragung nach ihrer Kursteilnahme gaben sie an, dass das gemeinsame Kochen im Teaching Kitchen den größten Beitrag zu ihrem Lernerfolg geleistet habe. Auch die Einführung an weiteren medizinischen Lehrstandorten in Deutschland ist geplant, damit möglichst viele Medizinstudierende von dem neuen Lehrkonzept profitieren können und sich die ernährungsmedizinische Beratung von Patient*innen nachhaltig verbessert. Zu diesem Zweck besuchen gegenwärtig Lehrteams anderer Universitäten das Culinary Medicine-Wahlfach an der UMG, das nach dem erfolgreichen Pilotbetrieb inzwischen vom Ausschuss Lehre in der Vorklinik für den Regelbetrieb an der UMG zugelassen wurde.

„Wir sehen, dass das neue Wahlfach die selbsteingeschätzten ernährungsmedizinischen Beratungskompetenzen der Studierenden deutlich verbessert, wovon letztlich die Patient*innen profitieren“, sagt Priv.-Doz. Dr. Ellrott. Heidi Schwarzer, Doktorandin am IfE und Erstautorin der Studie, ergänzt: „Ärzt*innen können und sollen nicht die vollständige ernährungsmedizinische Beratung ihrer Patient*innen allein übernehmen. Als erste Kontaktpersonen für die Bevölkerung bei gesundheitlichen Belangen kommt ihnen aber die wichtige Aufgabe zu, ernährungsmedizinischen Beratungsbedarf zu erkennen, erste Beratungsimpulse zu setzen und die Zusammenarbeit mit Ernährungsfachkräften zu beginnen. Die ernährungsmedizinische Therapie erfolgt im Idealfall in Ernährungsteams, die sich aus Expert*innen verschiedener Fachrichtungen zusammensetzen.“ 

Die Entwicklung und Testphase des neuen Culinary Medicine-Wahlfachs wurde von der Rut- und Klaus-Bahlsen-Stiftung mit 75.000 Euro gefördert. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Ernährungs Umschau“ veröffentlicht.

Originalpublikation:
Rosenau, N., Schwarzer, H., Neumann, U., Ellrott, T. The Food-Based Dietary Guidelines of the German Nutrition Society in Medical Education. Evaluation of a preclinical culinary medicine elective. Ernährungs Umschau (2026). DOI: 10.4455/eu.2026.015

Das neue Culinary Medicine-Wahlfach im Detail
Inhaltlich basiert das neue Wahlfach auf den lebensmittelbasierten Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. und der „Planetary Health Diet“. Dieses von international renommierten Wissenschaftler*innen entwickelte Ernährungskonzept hat sich zum Ziel gesetzt, eine gesunde Ernährung der Weltbevölkerung mit prognostizierten zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 unter gleichzeitiger Wahrung der planetaren Grenzen sicherzustellen. „Um den Zusammenhang zwischen der menschlichen Gesundheit und der Gesundheit der Erde auch im praktischen Kursteil abzubilden, berechnen die Medizinstudierenden auch den CO2-Fußabdruck, das heißt die Menge an Treibhausgasen, die durch die zubereiteten Gerichte entsteht. Diese Daten werden anschließend zusammen mit weiteren relevanten Aspekten wie dem Geschmack und dem Nährstoffgehalt bei der gemeinsamen Verkostung am Ende des Kurstages diskutiert“, erklärt Nicola Rosenau, Doktorandin am IfE und ebenfalls Erstautorin der Studie. 

Das neue Culinary Medicine-Wahlfach ergänzt im ersten Studienabschnitt des Medizinstudiums inhaltlich das ebenfalls in Göttingen entwickelte und inzwischen an vielen weiteren nationalen und internationalen medizinischen Lehrstandorten angebotene Culinary Medicine-Wahlfach für das medizinische Hauptstudium. Während im Hauptstudium die erkrankungsbezogene Ernährungstherapie im Fokus steht, legt das neue Lehrangebot den Schwerpunkt auf eine krankheitsvorbeugende Ernährung, die zugleich die planetaren Grenzen wahrt. Beide Formate zusammen bilden damit eine wichtige Ergänzung innerhalb der medizinischen Ausbildung. Langfristig könnten dadurch sowohl die Versorgung von Patient*innen als auch die Gesundheit des Planeten profitieren.

 „Die ernährungspsychologische Forschung hat gezeigt, dass eine Beratung, die allein auf Nährstoff-Ratschlägen wie „essen sie weniger gesättigte Fettsäuren“ basiert, nicht ausreicht, um das Essverhalten der Menschen nachhaltig zu verändern“, sagt Priv.-Doz. Dr. Ellrott, der das „Culinary Medicine“-Konzept gemeinsam mit Uwe Neumann, Vorstand des Culinary Medicine Deutschland e.V., erfolgreich in Deutschland eingeführt hat, und ergänzt: „In der Lehrküche lernen die Studierenden praktisch, wie sie komplexe ernährungsmedizinische Inhalte in angepasste Therapieempfehlungen übersetzen, die den Lebenswelten ihrer Patient*innen entsprechen.“ 

Ansprechpartner Fachbereich: 
Priv.-Doz. Dr. Thomas Ellrott, Institut für Ernährungspsychologie, Telefon 0551 / 39-67500, thomas.ellrott(at)med.uni-goettingen.de

Pressekontakt:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Leitung Unternehmenskommunikation
Lena Bösch 
Von-Siebold-Str. 3, 37075 Göttingen
Telefon 0551 / 39-61020
Fax 0551 / 39-61023
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