Wie ein Lottogewinn – nur wertvoller

David Kues ist ein Organisationstalent. Als Medizinischer Fachangestellter (MFA) in der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) bereitet er die Sprechstunden der Ärzt*innen vor und sorgt dafür, dass seine Patient*innen vor und nach einer Stammzelltransplantation alle notwendigen Behandlungen erhalten. Dabei begleitet Kues die Erkrankten meist über mehrere Jahre und kümmert sich gemeinsam mit Ärzt*innen und Teamkolleg*innen intensiv um ihr Wohlergehen.
„In der Regel kommen die Patient*innen mit Leukämie oder einer anderen Blutkrebserkrankung erst dann für eine Stammzelltransplantation zu uns, wenn der Krebs mit herkömmlichen Chemotherapien nicht mehr gut zu behandeln ist“, erklärt Kues. Auf diese Weise hat er meist mit schwer erkrankten Menschen zu tun, die eine Zweit- oder Dritt-Therapie durchlaufen. Ihr Leid ist dem 28-Jährigen täglich vor Augen. Aber ebenso kennt Kues die positiven Geschichten, in denen durch eine Stammzellspende das Leben einer Patientin oder eines Patienten gerettet wird.
Als Schüler typisiert
Der Gedanke, selbst einmal als Stammzellspender gebraucht zu werden, war für Kues weit weg. Bereits mit 18 Jahren ließ er sich bei einer Aktion an der Gesamtschule Moringen typisieren. Umso überraschender für ihn, als Kues im Dezember 2024 erfuhr, dass er zum Spender für einen völlig unbekannten, aber genetisch ähnelnden Menschen werden könnte. Den entsprechenden Anruf erhielt er von einer ihm gut bekannten Arbeitskollegin aus der Transfusionsmedizin der UMG. Die Frage, ob er nach wie vor zur Stammzellspende bereit ist, hat der Familienvater schnell bejaht. „Er hätte zu diesem Zeitpunkt oder später aber auch noch problemlos absagen können“, erklärt Dr. Beatrix Pollok-Kopp, Oberärztin in der Zentralabteilung Transfusionsmedizin der UMG. „Es ist uns ganz wichtig, dass sich niemand zur Spende gedrängt fühlt – unabhängig davon, ob sie oder er sich hat typisieren lassen.“
In Deutschland sind über zehn Millionen Menschen typisiert, allein in der Region Göttingen bei der KMSG rund 34.000. Wenn eine Patientin oder ein Patient eine Spende benötigt, wird weltweit nach einer Übereinstimmung in den Spenderdateien gesucht. „An der UMG zählen wir jährlich etwa 40 solcher sogenannten Matches. In den meisten Fällen kommt es dann auch zu einer Spende, sofern nicht medizinische Gründe dagegensprechen“, so Dr. Pollok-Kopp.
Rundum versorgt bei der Apherese
Bis zur Stammzellspende von David Kues vergingen danach noch rund zwei Monate. „Vor allem musste der*die erkrankte Patient*in auf die Transplantation der Stammzellen vorbereitet werden. Für mich als Spender war die Sache unkompliziert“, berichtet der MFA. Seine Merkmale wurden zunächst erneut überprüft. Außerdem setzte er sich in den letzten fünf Tagen bis zur Spende morgens und abends jeweils selbst eine kleine Spritze, um die Ausschüttung der Stammzellen aus dem Knochenmark in die Blutbahn anzuregen. Im Februar 2025 erfolgte schließlich die eigentliche Spende, die Mediziner*innen als Apherese bezeichnen. Dabei werden die Stammzellen mithilfe einer Zentrifuge aus dem Blut der Spender herausgefiltert. Das Blut fließt anschließend über einen zweiten Venenzugang zurück in den Körper. „Die Apherese hat bei mir knapp fünf Stunden gedauert. In dieser Zeit musste ich liegenbleiben, wurde aber auch rundum versorgt. Etwa die Hälfte der Zeit habe ich einfach geschlafen“, blickt der UMG-Mitarbeiter zurück.
Die Rundumversorgung beginnt allerdings nicht erst im Aphereseraum der Transfusionsmedizin. Übernommen werden zum Beispiel auch Hotelübernachtungen, Verdienstausfall und Fahrtkosten für den Spender und eine Begleitperson. „Außerdem habe ich als Dankeschön einen Einkaufsgutschein erhalten. Aber das war nicht wirklich wichtig. Gezählt hat der Gedanke, dass da ein Mensch auf meine Stammzellen wartet“, so Kues.
Spende von Empfänger gut angenommen
Von ebendiesem Menschen weiß Kues mittlerweile, dass sie oder er die gespendeten Stammzellen gut angenommen hat und auf dem Weg der Genesung gute Fortschritte macht. Name, Nationalität oder Alter kennt Kues nicht. Ein persönliches Kennenlernen zwischen dem*der Spendenempfänger*in und ihm darf aus rechtlichen Gründen frühestens in zwei Jahren erfolgen, sofern beide Seiten zustimmen. „Ein Kennenlernen wäre schön, ist aber nicht entscheidend. Es ist einfach ein gutes Gefühl, dass ich helfen und wahrscheinlich ein Leben retten konnte. In meiner Familie ist man schon ein wenig stolz auf mich. Und hier unter den Arbeitskolleg*innen ist es einfach eine wunderbar schöne Geschichte“, schließt David Kues zufrieden.
Weitere Informationen
Wer sich selbst als potenzielle*r Stammzellspender*in registrieren lassen möchte, erhält online unter https://transfusionsmedizin.umg.eu oder telefonisch unter 0551 / 39-62391 alle Informationen dazu.
Wie funktioniert die Typisierung?
In der Knochenmark- und Stammzellspenderdatei Göttingen (KMSG) der Universitätsmedizin Göttingen können sich Menschen zwischen 17 und 50 Jahren registrieren lassen. Die Gewebemerkmale der potentiellen Spender*innen können dabei in wenigen Augenblicken mit einem Wattestäbchen und der Entnahme von etwas Wangenschleimhaut aus dem Mund erfasst werden. An Schulen, Hochschulen und bei öffentlichen Veranstaltungen finden zu diesem Zweck immer wieder Typisierungsaktionen statt. Einzelpersonen können sich aber auch direkt bei der Blutspende im Klinikum sowie bei der Blutspende am Campus typisieren lassen oder sich ein Registrierungsset kostenfrei nach Hause senden lassen.
Medizin für Blutkrebspatient*innen an der UMG
Wenn für Patient*innen mit Blutkrebs intensive Therapieverfahren wie Stammzelltransplantationen und zelluläre Therapien notwendig werden, erfolgen diese in der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie, die dabei eng mit der Zentralabteilung Transfusionsmedizin sowie der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der UMG zusammenarbeitet. Die Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie ist Teil des Comprehensive Cancer Centers Niedersachsen (CCC-N) und eingebunden in ein nationales und internationales Netzwerk. Sie ist eine von nur drei Kliniken in Niedersachsen, die allogene Knochenmark- und Stammzelltransplantationen sowie Zelluläre Therapieverfahren für rund 200 Patient*innen pro Jahr durchführt.
Pressekontakt:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Unternehmenskommunikation
Martin Wilmsmeier
Von-Siebold-Str. 3, 37075 Göttingen
Telefon 0551 / 39-61027
Fax 0551 / 39-61023
presse.medizin(at)med.uni-goettingen.de
www.umg.eu