Kamal Hazzouri, Student der Humanmedizin

„Besser hätte ich mir den Start an einer deutschen Universität nicht vorstellen können."

Fotonachweis: Uni Göttingen

Kamal Hazzouri ist 22 Jahre alt und vor fünfeinhalb Jahren kriegsbedingt aus seiner Heimatstadt Aleppo in Syrien nach Deutschland geflüchtet. Innerhalb eines halben Jahres hat er so gut Deutsch gelernt, dass er den Sprachtest bestehen konnte, hat ein Pflegepraktikum in Bremen und Berlin absolviert und sich an allen deutschen Universitätskliniken für ein Medizinstudium beworben.

Drei Zusagen hatte er. Kamal entschied sich für die Universitätsmedizin Göttingen, wo er nun im 9. Semester studiert und für seine Doktorarbeit forscht. Dort necken ihn seine Freunde mittlerweile öfter mit dem Satz "Du bist deutscher als wir", wenn er beim Grillen Socken in seinen Birkenstock-Schuhen trägt.

Warum haben Sie sich für Göttingen und die UMG entschieden?

„Das hatte, um ehrlich zu sein, einen ganz pragmatischen Grund: Nur mein großer Bruder lebt bereits in Deutschland. Als Oberarzt ist er am Krankenhaus in Bremerhaven angestellt. Um ihm nah zu sein, ist meine Entscheidung auf Göttingen gefallen. Mit dem Semeserticket kann ich ihn kostenlos mit dem Zug besuchen – das war einfach der größte Pluspunkt.“

Haben Sie diese Entscheidung bereut?

„Auf gar keinen Fall! Ich habe mich hier an der UMG nie fremd gefühlt. Meine Kommilitonen und späteren Freunde haben mir das Ankommen sehr leicht gemacht. Sie haben sehr viel Rücksicht genommen und mir vor allem am Anfang extrem geholfen, als ich aufgrund von Sprachbarrieren an meine Grenzen gestoßen bin. Besser hätte ich mir den Start an einer deutschen Universität nicht vorstellen können.

Erst später habe ich dann noch weitere Vorteile wahrgenommen. Der Studienaufbau an der UMG ist sehr strukturiert. Hier kann man sich schon ziemlich früh auf ein Hauptfach konzentrieren. Auch der Aufbau der Fachschaft ist in Göttingen besonders. Hier engagiere ich mich stark im Verein der unabhängigen Mediziner."

Für dieses Engagement bekommen Sie heute den DAAD-Preis* für ausländische Studierende. Herzlichen Glückwunsch!

„Vielen Dank! Ich habe mich wirklich sehr über die Nominierung gefreut. Das, was mir an Hilfe und Unterstützung entgegengebracht wurde, möchte ich auch zurückgeben. Für den Preis können ausländische Studierende von ihren Hochschulen beim DAAD vorgeschlagen werden, wenn sie 1. sehr gute Leistungen im Studium vorweisen können und 2. sich sozial engagieren. Durch meine Arbeit in der Fachschaft versuche ich, die Qualität des Medizinstudiums an der Göttinger Universität noch weiter zu verbessern, und möchte außerdem gerade ausländischen Kommiliton*innen bei den Herausforderungen des Studienalltags unterstützen. Meine Kolleg*innen in der Fachschaft haben mich aufgrund dessen zum Preis vorgeschlagen.

Aufgrund von Corona gibt es keine richtige Preisverleihung, wie es sie in den vergangenen Jahren gegeben hat. Es gibt eine Online-Veranstaltung. Die Auszeichnung beinhaltet ein Preisgeld von 1.000 Euro. Was genau ich damit mache, weiß ich noch nicht. Vermutlich werde ich von einem Teil Weihnachtsgeschenke kaufen.“

* Deutscher Akademischer Austauschdienst

Wie nehmen Sie die Advents- und Weihnachtszeit wahr?

„In Syrien gibt es etwa 10 %, die der christlichen Glaubensgemeinde angehören. Und obwohl das nur einen kleinen Teil ausmacht, gibt es immer Ende Dezember für alle Weihnachtsferien. Meine Familie und ich sind Muslime. Wir feiern Weihnachten nicht, haben die Zeit als Familie aber immer gemeinsam verbracht - nur ohne Weihnachtsbaum und Geschenke. 

Gemeinsam mit meiner Freundin feiere ich auch dieses Jahr Weihnachten mit ihrer Familie. Soweit ich das beurteilen kann, ist das ein typisch deutsches Weihnachtsfest. Die Oma kocht leckeres Essen, wir sitzen zusammen und machen uns Geschenke. Wie genau in diesem Jahr der Plan sein wird, haben wir noch nicht final besprochen. Aufgrund von Corona wird es sicher etwas eingeschränkter sein und wir werden nicht die ganze Familie sehen“.

Wie haben Sie das Jahr 2020 erlebt?

„Es war wirklich ein besonderes Jahr. Auch wenn 2020 nicht so schlimm für mich war, hoffe ich doch, dass 2021 besser wird. Die UMG hat das mit den Online-Veranstaltungen wirklich gut hinbekommen, aber mir hat die Präsenszeit und der Austausch gefehlt. Hoffentlich ist das Schlimmste geschafft und es geht, auch mit der bevorstehenden Impfung, wieder aufwärts. Gerade für meine Arbeit im Labor. Hier forsche ich gerade am Institut für Pharmakologie und Toxikologie für meine Doktorarbeit. Dafür setze ich ein „normales“ Semester aus. Meine Doktor-Mutter PD. Dr. rer. nat. Laura Zelarayán, die im Kalendertürchen 5 mehr zu den Forschungsthemen der Arbeitsgruppe erzählt hat, unterstützt mich großartig. Das würde auch ohne Corona kaum bessergehen. Ich denke, es ist daher wirklich angebracht, einmal Danke zu Laura Zelarayán und dem Team zu sagen. Also: Danke!“

Möchten Sie zum Abschluss dieses Gespräches noch weiteren Personen danken?

„Ja, sehr gern. Es gibt tatsächlich vielen, den ich "Danke" sagen möchte. Ich habe ja schon angedeutet, dass meine Kommiliton*innen, Kolleg*innen in der Fachschaft und Freund*innen immer für mich da waren und sind. Hier ist es definitiv einmal angebracht, öffentlich "Danke" zu sagen.

Mein größter Dank geht an meinen Bruder Nour Hazzouri. Meine Eltern und alle anderen Familienmitglieder sind in Syrien geblieben, ich bin allein nach Deutschland gekommen. Ohne meinen Bruder würde ich mein Leben, so wie ich es gerade führe, nicht leben können. Er unterstützt mich in allen Belangen. Egal, ob ich einfach seinen Rat brauche oder Hilfe bei der deutschen Bürokratie. Mein Bruder war immer da. Er finanziert mein gesamtes Studium. All das macht er so selbst- und vorwurfslos, dass ich ihm gar nicht oft genug danken kann:

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