Übertragung von Corona

Abstand halten ist der beste Schutz

Göttingen und die meisten Gebiete in Niedersachsen waren in den ersten Wochen & Monaten der Coronavirus SARS-Cov-2-Pandemie in geringerem Ausmaß betroffen als andere Gebiete und Bundesländer wie Bayern, Baden-Württemberg und NRW. Wir konnten jeden Tag viele Zahlen verfolgen, die Zahlen zu neu Infizierten, zu Verstorbenen, zu Verdopplungsraten, zu der ominösen R-Kennzahl und zu den Neuinfektionen der letzten Woche. Zeitgleich startete, gerade in den sozialen Medien, viele – leider oft unsachlich geführte Kritiken – an den Aussagen und Weiterentwicklungen der Einschätzung offizieller Behörden wie dem Robert Koch-Institut (RKI).

Strategieanpassung durch Erkenntnisgewinn

Es erscheint schwierig, sich hier einen guten Überblick zu verschaffen und gleichzeitig zu verstehen, was diese allgemeinen Aussagen für uns persönlich und unsere Familien bedeuten. Was weiß man zu der Ansteckung? Was sagen die Zahlen aus über das Ansteckungsrisiko? Wie ansteckend ist das Virus? Und was kann man tun, um das Ansteckungsrisiko zu verringern?

Ganz allgemein gilt, dass für dieses neue Virus noch nicht alle Fragen abschließend beantwortet werden können. Eine Anpassung der Aussagen sowie neue Erkenntnisse sind also kein Ausdruck von vorausgehenden fehlerhaften Aussagen, sondern von Erkenntnisgewinn, der das zentrale Merkmal von wissenschaftlichem Vorgehen darstellt.

Prof. Dr. Simone Scheithauer; Direktorin des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektiologie
So wird das Virus übertragen

Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist von Mensch zu Mensch übertragbar. Dazu ist sogar kein direkter Kontakt zwischen Menschen erforderlich, da das Virus hauptsächlich über Tröpfchen übertragen wird. Infizierte Personen vermehren das Virus zum Teil sehr stark im hinteren Rachenraum – auch bereits bevor sie Symptome zeigen. Mit dem Husten und Niesen wird es klassischerweise etwa 1,5 Meter weit getragen bevor die Tropfen zu Boden fallen. Da nicht jeder Infizierte erkrankt, können auch nicht symptomatische Träger beispielsweise beim Sprechen infektiöse Tropfen erzeugen.

Eine geringe, aber auch relevante Rolle, spielt die Kontaktübertragung, wie beispielsweise durch direkten Kontakt beim Händeschütteln (wenn der Infizierte kurz zuvor in die Hand gehustet hat). Die indirekte Kontakt-Übertragung über unbelebte Gegenstände ist möglich, aber deutlich weniger relevant. Das Coronavirus SARS-CoV-2 kann – je nach Temperatur, Feuchtigkeit, Material und UV-Strahlung – einige Stunden bis wenige Tage auf Flächen überdauern. Es ist jedoch immer zu berücksichtigen, dass es von dort wieder an eine Stelle, an der es einen Menschen infizieren kann, verbracht wird. Ein alleiniger Kontakt mit den Händen reicht dazu nicht aus. Man selber muss dann noch mit den Händen empfängliche Körperstellen wie den Mund oder die Augen berühren.

Virus muss infektionstüchtig sein

Und noch entscheidender: Das Virus muss nicht nur nachweisbar sein – dies erfolgt in Studien oft durch Nachweis des Erbgutes – sondern auch infektionstüchtig und das konnte bislang nur über wenige Stunden sicher aufgezeigt werden. Der Nachweis von Erbmaterial alleine beweist nicht das Vorhandensein infektiöser Virionen. Es ist sogar so, dass bei wieder genesene Menschen teilweise noch über Wochen virales Erbgut im Nasenrachenraum nachweisbar ist. Aus dem Wissen um den wichtigsten Übertragungsweg ergeben sich auch die Maßnahmen, die wir alle – einzeln oder in der Gemeinschaft – ergreifen können, um die Ansteckungsfähigkeit zu reduzieren.

Was ist die Reproduktionszahl?

Die Anzahl der Menschen, die ein Infizierter seinerseits infiziert ist die vielfach zitierte und wichtige Reproduktionszahl. Man spricht von der Basisreproduktionszahl, wenn man die natürliche Übertragungswahrscheinlichkeit eines Erregers in der Bevölkerung – ohne dass vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden – meint. Diese liegt bei dem neuen Coronavirus zwischen 2,4 und 3,3. Wir hatten in Deutschland den Vorteil – alarmiert durch die Ereignisse in Hubei und Italien – sehr früh Maßnahmen zur Reduktion dieser Verbreitung ergriffen zu haben. So wurde die dann sogenannte effektive Reproduktionsrate auf Werte unter 1 gesenkt, das exponentielle Wachstum konnte so gestoppt werden. Anfang Mai war R wieder über 1 angestiegen, dies zeigt indirekt die Effektstärke der zuvor aufgehobenen Einschränkungen an.

Welche Maßnahmen wirken?

Da Tröpfchen in den allermeisten Situationen ungefähr 1,5 Meter Reichweite haben, zielen die wichtigsten und wahrscheinlich auch effektivsten infektionspräventiven Maßnahmen auf Distanz ab. Das ist zum einen die räumliche Distanz zu anderen Menschen, aber auch das kollektive Verbot von größeren und Großveranstaltungen, bei denen die Umsetzung dieser Maßnahme nicht möglich ist oder nicht kontrolliert werden kann.

Es gibt jedoch viele Situationen, in denen dieses Abstandsgebot nicht komplett umsetzbar ist, wie bei der Versorgung erkrankter Menschen in Praxen und in den Krankenhäusern, aber natürlich auch in Produktionsstraßen, dem öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Hier gilt es, eine zusätzliche Barriere zu schaffen mit einer Mund- und Nasenbedeckung.

Empfehlenswert ist der Gebrauch von sogenannten Community Mundnasenschutzen.

Wie man den Mund-Nasen-Schutz am besten verwendet, was es dabei zu beachten gilt und welche Varianten es gibt, erklärt Frau Prof. Dr. Simone Scheithauer im Video: https://www.goettinger-tageblatt.de/Mehr/Videos/Lokale-Videos/6154115686001-Prof-Simone-Scheithauer-UMG-ueber-den-richtigen-Umgang-mit-Mund-Nasen-Schutz

Kontakte möglichst einschränken und im Krankheitsfall isolieren

Grundlegend gilt, dass wir uns, wenn wir einen Atemwegsinfekt haben, nicht unnötig in die Gemeinschaft begeben – und sollten wir husten oder niesen müssen, die korrekte Etikette wahren. Und natürlich ist auch das regelmäßige Händewaschen – welches wir grundsätzlich in unseren Alltag einbauen sollten – eine einfache und für nahezu jeden umsetzbare Intervention. Sollten wir dennoch an COVID-19 erkranken, ist es essentiell, dass wir die Quarantänevorgaben der Gesundheitsämter befolgen und alle unsere Kontakte benennen. Können die engen Kontakte frühzeitig und vollständig in provisorische Isolierung gehen, können wir die Ausbreitung auch durch sehr lokalisierte Maßnahmen, die nur wenige Menschen in Ihrem Alltag einschränken, auf einem sehr niedrigen Niveau halten. Das ist unbedingt erforderlich, um alle Erkrankten – die an COVID-19 Erkrankten, aber auch die zahlreichen anderen, wie auf eine Operation wartenden Patienten, mit identischer Qualität in unseren Krankenhäusern behandeln zu können.

Schrittweises Vorgehen sinnvoll

Eine weitere infektionspräventive Maßnahme – die Impfung – steht uns leider nicht zur Verfügung. Auch für die natürliche Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 ist das Fehlen einer lebenslangen Immunität nach vorläufigen Einschätzungen ein mögliches Szenario. Umso wichtiger ist, dass wir jetzt alle gemeinsam Wege entwickeln, die eine Aufrechterhaltung unseres Gesundheitssystems in der uns vertrauten Weise ermöglichen und dennoch mit so geringen Einschränkungen auf unsere Arbeit und unser soziales Leben verbunden sind. Da es für uns alle Neuland ist, ist das schrittweise Vorgehen absolut berechtigt.

Die einzelnen Parameter und ihr Informationsgehalt

  • Gesamtzahl Infektionen: Anteil der Bevölkerung der wissentlich in einer Region infiziert war
  • Anzahl neu Infizierter: Momentaufnahme, beeinflusst durch Wochentag u. ä.
  • Wöchentliche Neuinfektionenrsate bezogen auf die Einwohnerzahl: Aktuelle bekannte Viruslast in der Region
  • Wöchentliche Virustestungen bezogen auf die Einwohnerzahl: Maßeinheit für die Testaktivität (Korrektiv)

Die Politik hat als Steuerungsgröße die Anzahl der Neuinfektionen der zurückliegenden Woche gewählt. So bezieht man sich nicht auf die vielleicht hohen Fallzahlen der Vergangenheit, die ja für das aktuelle Ausbreitungsgeschehen – bei niedriger Durchseuchung – noch keine große Rolle spielen.

Man weiß also sehr gut, wie hoch die Anzahl der wahrscheinlich benötigten Intensivbetten in einigen Tagen sein wird. Diese Kenngröße sollte noch auf die durchgeführten Testungen bezogen werden, denn ganz banal formuliert: Wer nicht testet, kann auch nichts („Positives“) finden.

Autorin

Institutsdirektorin des Instituts für Krankenhaushygiene und Infektiologie

Prof. Dr. med. Simone Scheithauer

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